"PARZIVAL"
Juli/August 2004 - Konventgarten Schloss
Ranshofen
frei
nach Tankred Dorst 
Das Stück:
Mit dem Stück "PARZIVAL,
ein Szenarium" (Tankred Dorst, 1990, Suhrkamp Verlag)
entfernten wir uns - nach "MOMO" - vom Jugendtheater
und setzten uns mit einem Jahrhunderte alten literarischen
Stoff auseinander. Viele von uns kennen Parzival als
Ritter, der auszog um den "Heiligen Gral"
zu finden, der eine religiöse, mystische Bedeutung
hat. Nur wenige wissen, dass er bei seiner Suche selbst
zum Mörder und Zerstörer wurde.
Hier ergibt sich für uns der aktuelle Bezug zur
Gegenwart. Die Welt steht im Zeichen der Gewalt. Krieg
und Terrorismus sind die beherrschenden Themen. Eine
religiöse und soziale Bruchlinie spaltet die Welt
immer mehr. Die Friedensthematik gewinnt an Wichtigkeit
und Lösungsansätze sind gefragt.
Und es stellt sich die Grundfrage: Was Gut und was Böse
ist? Welche Rolle spielt der Einzelne darin? Inwieweit
haben gesellschaftliche Regeln und Moralvorstellungen
in einer globalisierten Welt der extremen Gegensätze
noch Bedeutung?
Der
Parzivalstoff:
Wolfram von Eschenbach (um 1170 bis nach 1220) hat
mit seinem "Parzival" einen der bedeutendsten
Erzähltexte des europäischen Mittelalters
geschaffen. Die wichtigste Vorlage für seinen
Parzival, "Contes de Graal" (vor 1190),
stammt von "Chretien de Trojes". Der zu
Beginn des 13.Jhd. entstandene Versroman verbindet
den keltischen Artusstoff mit religiöser Gralsthematik.
Für Eschenbach ist der Gral mehr ein mystisches
Symbol, in dem sich vieles vereinigt: Christliches,
Orientalisches und Märchengut. Als zentral erscheint
dabei auch die Frage, wie eine von Widersprüchen
und Gegensätzen zerrissene Welt wieder heil wird.
Tankred Dorst (Geb. 1925, bekannt durch zeitkritische
Theaterstücke, Drehbücher und als Regisseur;
u. a. Georg-Büchner-Preis, E.T.A.-Hoffmann-Preis
und Max-Frisch-Preis) beschäftigte sich viele
Jahre intensiv mit dem Parzival-Stoff, und so entstanden
Stücke wie "Merlin", "Grindkopf"
oder "Der nackte Mann" in denen er thematisierte,
was der Figur des Parzival innewohnt: das Suchen dessen,
was in der Mythologie mit dem Terminus des Grals bezeichnet
wird. Bei Dorst: "Es geht hier um den Sinn und
das Ziel des großen menschlichen Spiels, das
sich zwischen Geburt und Tod ereignet". Die Suche
nach dem Gral wird zur Suche nach dem Glück,
der Erlösung, nach Gott aber auch zur Suche nach
sich selbst, nach Identität.
1987 arbeiteten Tankred Dorst und Robert Wilson (Regie)
gemeinsam für ein Parzival-Projekt am Hamburger
Thalia-Theater. Es entstand "Parzival. Auf der
anderen Seite des Sees". Für Wilson war
Parzival kein Täter, sondern ein wortlos träumender,
der sich mehr staunend als handelnd durch die Welt
bewegt. In den Jahren bis 1990 wurden alle Parzival-Szenen
und Materialien aus vorangegangenen Arbeiten zusammengestellt,
neue sind ergänzend hinzugekommen und es entstand
"Parzival, ein Szenarium".
Der Ort:
Für die Parzivalproduktion wurde der Konventgarten
des Schlosses Ranshofen ausgesucht. Seine Naturidylle,
umgeben von historischen Gemäuern, erschien uns
ideal für dieses Stück. Das fast 900 Jahre
alte Stift mit seiner Vergangenheit stellt suzusagen
die historische Verbindung zum literarischen Stoff
her. Die Naturidylle wird Teil der Bühne und
ist was es ist, Natur, unser aller Ursprung und Ende.
PARZIVAl
im Konventgarten des Schlosses Ranshofen:
Unsere Produktion lehnt sich an die Inszenierung des
Hamburger Thalia-Theaters (1987) unter der Regie von
Robert Wilson an. Nur ist bei uns Parzival sowohl
Täter als auch Träumender. Parzival handelt,
ist aktiv aber er kennt den Unterschied zwischen Gut
und Böse nicht, er muß alles neu lernen
und alles, Schmerz und Glück, am eigenen Leib
erfahren. Parzival erlebt dabei zwar alles selbst,
ist aber auch zugleich Zeuge all dessen, was vorgeht,
wie das Publikum Zeuge und Zuschauer ist bei dem Stück.
Parzival steht für uns alle, für ein Menschenleben,
für eine ganze Kultur, für die Welt - eben
das große Spiel des Lebens. Auf seiner Suche
nach dem Glück, der Erlösung, wird er selbst
zum Mörder und Zerstörer, verzweifelt er
und findet Trost nur, wo er sich selbst erkennt.
Inhalt:
Der junge, wilde Parzival lebt mit seiner Mutter im
Wald. Sie will ihn von der brutalen Welt fernhalten,
die sie haßt, weil sie ihren geliebten Mann
verloren hat. Noch nie hat Parzival einen fremden
Menschen gesehen. Als er aus der Ferne einen Ritter
erblickt, glaubt er einen Engel gesehen zu haben.
Später begegnet er wirklich 2 Ritter und als
Parzival über seinen toten Vater und seine Herkunft
erfährt, will er auch ein Ritter werden, wie
sein Vater einer war.
Er verläßt seine Mutter, die vor Schmerz
darüber stirbt. Parzival trifft eine Frau und
lernt die Sexualität kennen. Er lernt sich anderen
verständlich zu machen und trifft auf eine intrigante
Gesellschaft voller Arroganz, die ihn als Dummkopf
verhöhnt. Als er den Roten Ritter tötet,
um dessen Rüstung zu bekommen, ist die Gesellschaft
entsetzt und schockiert. Sir Gawain entschuldigt sich
für das Verhalten der Gesellschaft und bietet
Parzival seine Freundschaft an, doch Parzival kann
nicht wie Sir Gawain sein, der sich den irdisch, einfacheren
Weg sucht. Weder die Begegnung mit der Liebe, die
er in der Person von Blanchefleur kennenlernt, noch
die Begegnung mit Sir Galahad, der ohne Ego und unberührbar
dahingeht, können Parzivals Weg ändern.
Und so sind in gewisser Weise auch die Belehrungen,
die man von außen an ihn heran trägt und
ihn zur Einsicht bringen sollen, unnütz.
Parzival fällt in Depression, lebt bei einem
Eremiten und trifft schließlich auf Trevrizent,
der Parzival auf sein Selbst zurückwirft. Trevrizent
entpuppt sich als Merlin, der Zauberer, der Parzival
auf seinem Weg von Anfang an begleitet, der ihn zu
verwirren versucht, ihm fragen stellt, provoziert,
verfolgt und ihn schließlich zum Reflektieren
seiner Handlungen bringt.
Und Parzival schafft etwas: er geht in sich, zweifelt
an sich, erkennt seine Abgründe, reift und könnte
dadurch zu einem mitfühlenden Menschen werden.
Parzival liegt am Boden, über
ihn kreisen die Milliarden Sterne des Weltalls. Ist
er tot, träumt er, wartet er? Das Ende bleibt
offen.
Darsteller:
Markus Schwarz: Parzival
Franziska Ortner: Mutter, Gralskönigin, Alte
Frau
Rudolf Mühlbauer: Roter Ritter, Pfauenritter
Hans Dzugan: Vater, Gralskönig, Alter Mann
Magdalena Forster: Erstes Mädchen
Michaela Skrabl: Jeschute, Gesellschaft
Wolfgang Pfleger: Sonne, Gawain
Margarete Ober: Mond, Gesellschaft
Sara Schmitzberger: Blanchefleur, Gesellschaft
Christine Ortner: Zweites Mädchen
Robert Ortner: Merlin (Hahn, Fischerkönig, der
Stein, die Liebe)
Crew:
Sebastian Ortner: Videoschnitt, Videotechnik
Sandra Schwarzenbacher: Kostüme, Requisiten,
Licht
Josef Ortner: Bühnenbau
Live-Musik:
David Schmitzberger: Gitarre, Gesang, Komposition
- Tontechnik
Stefan Fellner: Bass, Gitarre, Komposition - Tontechnik
Konzeption/Regie:
Robert Ortner
Dauer: ca. 100
min. ohne Pause
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